Die Klage des Kiwikgolo

Die Klage des Kiwikgolo

 

Das Familienleben der Tutunacus im Bundesstaat Veracruz heißt leben in der Natur, fern der Städte, asphaltierten Straßen, Kliniken, Polizei und Müllabfuhr, jedoch nicht abgeschnitten von modernster Zivilisation.
Das Familienleben der Tutunacus im Bundesstaat Veracruz heißt leben in der Natur, fern der Städte, asphaltierten Straßen, Kliniken, Polizei und Müllabfuhr, jedoch nicht abgeschnitten von modernster Zivilisation. Viele haben Strom, einen Kühlschrank, Licht aus Energiesparlampen und einen TV. Es heißt überleben, geben und entnehmen der Mutter Erde nach alten, bewährten Prinzipien und Rezepten. Verzichten, in jungen wie in alten Jahren ist normal sowie die tägliche Verantwortlichkeit des Gärtners unter der tropischen Sonne im Kampf mit der Erde und sich selbst der er sich stellt und besiegt. Jeder dieser Generationen kennt das Leben und weiß über alles zu erzählen, der Begegnung des Jaguars, Wildschweines oder manch bittere Erfahrung, die seinen Weg neu bestimmte, ob durch Verlust eines Geliebten oder der Ernte. Der Gärtner ist Maurer, Tischler, Schlachter, Bäcker und Fischer zugleich. Er geht nicht weg, außer man zwingt ihn dazu. Die Kinder gehen nun in die Städte, gelockt vom Duft des Erfolges. Mancher wird Lehrer und unterrichtet zweisprachig auf Spanisch und Tutunacu. Diese Sprache wird von der letzten Generation gesprochen und ist auch vom Aussterben bedroht. Man braucht sie nicht mehr und sie dient nur noch zur Aufrechterhaltung des kulturellen Erbes. Erinnerungen an die Wurzeln, worüber man in den Schulen der Städte besser nicht spricht, wenn man Freunde haben möchte. Wer vom Rancho kommt, ist Außenseiter. Die Wenigsten bleiben nicht, wenn sie zurückkommen. Der Rat ihrer Väter erreicht sie nicht mehr. Die Zuhausegebliebenen machen weiter, bleiben ihren Gewohnheiten treu, weil sie als einfach und kaum verbesserungsfähig gelten. Die Weisen, Schamanen, Medizinmänner und Häuptlinge, deren Prophezeiungen von Wissenschaftlern schon lange bestätigt wurden, nützen der jungen Generation nichts mehr, da diese taub, blind und krank geworden ist. Man versteht und respektiert sich kaum noch. Naturschutz ist Modesprache geworden, doch praktiziert wird er nicht. Gelegentlich versuchen Patenthaie, Biologen und Chemiker, verkleidet als Hippies oder Touristen, den Schamanen und Curanderos die Geheimnisse der Medizin trickreich für kommerzielle Zwecke zu entlocken. Nun verstummen die Alten. Wie viele Generationen später wird man gelüftete Geheimnisse wieder neu entdecken und teuer vermarkten? Heute schon stehen viele der traditionellen Heilpflanzen, als Droge klassifiziert, auf den Verbotslisten des Staates. 10% der geschätzten 30tsd. Pflanzen dienen rein medizinischen Zwecken.

 

Erinnerungen an damals. Don Natalio erzählt in Tutunacu und Don Aniceto li. übersetzt auf Spanisch von Zeiten, nicht allzu lange her, als man das Wasser noch aus dem Brunnen trinken konnte.

 

Erinnerungen an damals. Don Natalio erzählt in Tutunacu und Don Aniceto li. übersetzt auf Spanisch von Zeiten, nicht allzu lange her, als man das Wasser noch aus dem Brunnen trinken konnte. Heute stinkt es und ist verdreckt. Es schwimmen Plastikbecher und Coca-Cola Flaschen darin. Die Jugend ist sehr schnell vorangeschritten, vor allem in der Respektlosigkeit und Zerstörung. Es gibt kaum Fische, Bäume und Tiere. Das Reh war hier heimisch, doch wo ist es geblieben? Wo sind die Schildkröten, Tukane, Coyoten, der Jaguar, das Wildschwein, der Ameisenbär und das Gürteltier geblieben? Wir haben immer um Erlaubnis gefragt und geopfert, bevor wir uns aus der Natur bedienten. Wir fragten den Alten „Kiwikgolo“, Viejo del Monte um Erlaubnis, zum Beispiel den Mais zu pflanzen, damit die Erde gut wird. Nie fehlte es uns an etwas. Heute werden für den Maisanbau und die Rinderzucht ganze Berge abgeholzt. Es geht nur um den Profit und der zerstört uns. Die Erde ist durch den Menschen ermüdet, doch sie hört nicht auf, zu existieren. Der Mensch hört irgendwann auf. Es gibt nicht wirklich Menschen, die ohne wirtschaftlichen Nutzen die Erde schützen. Der „Kiwikgolo“, der Beschützer unserer Mutter Erde, wird auch verschwinden. Er hat keinen Platz mehr für die Tiere und Pflanzen.

 

Wir fragten den Alten „Kiwikgolo“, Viejo del Monte um Erlaubnis, zum Beispiel den Mais zu pflanzen, damit die Erde gut wird. Nie fehlte es uns an etwas.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eine Sage, an der kaum einer zweifelt, da jeder schon einmal auf seltsame Weise Zeuge seiner magischen Kräfte geworden ist.
Verkörperung des Viejo del Monte, dem Alten, Gott der Tutunacus, dem Kiwikgolo. Unsichtbarer Beschützer der Mutter Erde, der all jene Holzfäller, Wilderer und Umweltverschmutzer hart bestraft, indem er sie verhungern, verdursten, von einem Tier beißen, vergiften oder einfach tagelang orientierungslos umherirren lässt, wenn sie nicht aus Gründen einer menschlichen Verantwortung handeln und ehrwürdig um Erlaubnis gebeten haben aus der Natur etwas zu entwenden, ohne dafür Opfer darzubieten. Eine Sage, an der kaum einer zweifelt, da jeder schon einmal auf seltsame Weise Zeuge seiner magischen Kräfte geworden ist.

 

Ofrenda, die Opfergabe an den Kiwikgolo.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Bitte um Erlaubnis in sein Reich einzudringen, um ein Tier zu jagen oder den Mais anzubauen, der auch gute Ernte verspricht oder einfach nur, um trockenes Feuerholz zu sammeln.

Alkohol, Mais und Tabak werden auf einer Decke nahe den Wurzeln eines Baumes dargelegt. Der Kiwikgolo ist unsichtbar und erscheint in jeder Gestalt, ob als Tier, Mensch oder einer Pflanze. Diese Ofrenda ist dem Testimonium der Sage gewidmet das Unsichtbare sichtbar, zu machen. Der Kiwikgolo bittet darum. Er ist erschöpft und wird bald verschwunden sein.

 

Teilhaben lassen nachdem er gegeben hat. Besprühen mit Alkohol und behauchen mit Tabakrauch damit auch der Kiwikgolo in den Genuss menschlicher Erzeugnisse kommt.

Die Wälder imtropischen Gürtel des Bundesstaates Veracruz sind scheinbar noch nie von einer Menschenseele betreten worden. Sie erscheinen undurchdringlich und von vollkommenerSchönheit, geradezu verlockend,um in diesen paradiesischen Garten einzudringen und frei wie ein Vogel darin zu ernten. Es gibt Momente der absoluten Stille und desnicht enden wollenden Gezirpes und Geschreis ihrer Bewohner. Moskitos, die in Augen, Ohren, Mund und Nase fliegen, Ameisen, die einen kompletten Hornissen-Staat auffressen und Bambus-Labyrinthe voller Dornen, die ein Orientieren und entkommen unmöglich machen, wenn man erst mal hineingeraten ist. Schiebt sich eine Wolke vor die Sonne, ist es auch mitten am Tage plötzlich finster. Die Bäume sind nicht hoch und unten kommt kaum Licht an. Das Blattwerk kämpft um einen ständigen Platz an der Sonne. Es gibt Pflanzen, die am Tag bis zu 50 cm wachsen können, wenn ihre Chance kommt. Das alles nach 15 Jahren auf einer jahrelang aktiven Müllhalde. Gräbt man wird man schnell fündig, nichts ist verloren gegangen, alles ist noch da. Die Natur hat das anscheinend geschluckt und steht darüber. Der Mensch, der sein Überleben auf den Müllhalden behauptet, muss erst noch beweisenob er mit jeder neuen Ladung nur emporsteigt oder auch wachsen kann.

 

 

 

 

 

 

 

 

José auf Jagd mit einem Vorderlader aus dem Jahre der Mexikanischen Revolution.

 

 

Kommt der Sohn einmal nicht zurück, kann nur noch Gott helfen, wenn er denn will.

 

 

Doῆa Alicia bittet die Curandera um Rat ihren verloren gegangenen Sohn wieder zu finden. Sie übergibt Eier und Basilikum.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nach einem Gebet der katholischen Religion führt sie ein Ei von oben nach unten …

 

 

Nach einem Gebet der katholischen Religion führt sie ein Ei von oben nach unten, dann von links nach rechts, über den Rand eines Wasserglases, zerbricht die Schale und beobachtet im Kerzenschein die Struktur des Eiweißes im Wasser, woraus sie durch das Interpretieren von Vorgefühlen, Ahnungen und abergläubischen Gewissheiten Angaben zum Aufenthaltsort ihres Sohnes und dessen Zustand zu machen vermag. Der Atheist spricht vom Zufall, der Gläubige von Magie.

 

 

José wird nach 3-tägiger Suche bewusstlos in den oberen Enden eines Bambus gefunden, genauso wie die Curandera es andeutete.
José wird nach 3-tägiger Suche bewusstlos in den oberen Enden eines Bambus gefunden, genauso wie die Curandera es andeutete. Der Bambus ist allerdings mit so gefährlichen Spitzen bewachsen, dass es unmöglich ist, sich an ihnen nicht zu verletzen. Wie konnte José dort unverletzt hinaufkommen und dort so lange Zeit aushalten ohne hinunterzufallen, was seinen sicheren Tod bedeutet hätte? Ihn von dort oben zu befreien beschäftigt den Suchtrupp, 6 erfahrene Männer, einen ganzen Tag lang. Als man ihn sicher am Boden hat, kann er nicht sprechen und erinnert sich bis heute nicht, wie er dort hinaufgekommen ist… Erzählt mir Doῆa Alicia die Geschichte ihres Sohnes.